UNO erklärt offiziell Hungersnot im Gebiet der Stadt Gaza – Israel weist Vorwürfe zurück

Nach wochenlangen Warnungen angesichts der großen Not der Bevölkerung im Gazastreifen hat die UNO für das Gebiet der Stadt Gaza nun offiziell eine Hungersnot erklärt. Es gebe “belastbare Beweise” dafür, dass für die Region die schlimmste Stufe der IPC-Skala zum Hungermonitoring erreicht sei, erklärte die dafür zuständige und in Rom ansässige UN-Initiative am Freitag. Es ist das erste Mal überhaupt, dass im Nahen Osten offiziell eine Hungersnot erklärt wurde.

Israel wies Vorwürfe vehement zurück. UN-Nothilfechef Tom Fletcher beschuldigte Israel, für die katastrophale Lage verantwortlich zu sein. “Diese Hungersnot hätten wir vermeiden können, wenn man es uns erlaubt hätte”, sagte er vor Journalisten in Genf. Aber die bereitstehenden Hilfsgüter “stapeln sich wegen der systematischen israelischen Blockade an den Grenzen”, fügte er hinzu. UN-Menschenrechtschef Volker Türk warnte: “Aushungerung als Mittel der Kriegsführung zu nutzen, ist ein Kriegsverbrechen.” UN-Generalsekretär António Guterres forderte “eine sofortige Waffenruhe, die Freilassung aller Geiseln und einen uneingeschränkten humanitären Zugang”. Die Situation dürfe nicht ungestraft so bleiben, fügte er hinzu.

Israel wies die Vorwürfe zurück. “Es gibt keine Hungersnot in Gaza”, erklärte das Außenministerium. Die IPC-Skala stütze sich auf “Hamas-Lügen”, die von “Organisationen mit eigenen Interessen” gefiltert würden. Die für die zivilen Angelegenheiten in den Palästinensergebieten zuständige Abteilung des israelischen Verteidigungsministeriums (Cogat) erklärte, frühere Berichte und Einschätzungen der IPC-Experten seien “erwiesenermaßen” und “wiederholt” fehlerhaft gewesen.

Die jüngsten Bemühungen zur “Stabilisierung der humanitären Situation im Gazastreifen” würden nicht berücksichtigt. Die IPC-Experten beurteilten für ihre Einschätzung die Situation im Gazastreifen bis zum 15. August. Demnach waren 500.000 Menschen im Gazastreifen zu diesem Zeitpunkt im Bereich der Stadt Gaza betroffen. Der betroffene Regierungsbezirk um die Stadt Gaza entspricht rund 20 Prozent des Gazastreifens.

Die Experten gehen davon aus, dass sich die humanitäre Lage weiter verschlechtert und auch die Gegenden Deir el-Balah und Chan Junis in dem Palästinensergebiet bis Ende September offiziell als Gebiete mit Hungersnot eingestuft werden. Die radikalislamische Palästinenserorganisation Hamas forderte, der UN-Sicherheitsrat müsse umgehend handeln, “um den Krieg zu beenden und die Blockade” von Hilfslieferungen aufzuheben.

Die Grenzübergänge in den Gazastreifen müssten “ohne Beschränkungen” geöffnet werden, hieß es weiter in einer Erklärung. Die Bundesregierung rief Israel erneut auf, humanitäre Hilfe im Gazastreifen zuzulassen. Zudem müsse sichergestellt werden, “dass diese auch in der Breite und Fläche des Gazastreifens verteilt werden kann und dort ankommt”, sagte einer Sprecher des Auswärtigen Amts am Freitag.

Er bekräftige die “entschiedene Ablehnung” der Bundesregierung der “Offensive im Gazastreifen, die jetzt noch einmal ausgeweitet werden soll”. Die Hilfsorganisation Save the Children wies daraufhin, dass den IPC-Angaben zufolge die Hälfte der Betroffenen im Gebiet der Stadt Gaza Kinder seien. Viele Folgen der Hungersnot seien “irreversibel, insbesondere für Kinder”, erklärte Lisa Görgen von Save the Children Deutschland. “Der Tod und der Verlust, die körperlichen und seelischen Schäden werden ein Leben lang und sogar über Generationen hinweg zu spüren sein”, warnte sie.

Auch für humanitäres Personal werde es immer schwieriger, Hilfe zu leisten, erklärte Samah Wadi, die für die Hilfsorganisation Care in einem Gesundheitszentrum in Deir el-Balah arbeitet: “Wir alle hungern, auch wir verlieren die Kraft, die wir für unsere tägliche Arbeit brauchen.”Eine Hungersnot gilt laut IPC-Kriterien, wenn von 10.000 Menschen täglich mindestens zwei aufgrund von Hunger oder durch Unterernährung verursachte Krankheiten sterben, wenn mindestens 30 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren akut unterernährt sind und ein Fünftel aller Haushalte an extremen Lebensmittelmangel leiden.

Indes drohte Israels Verteidigungsminister Israel Katz am Freitag mit der Zerstörung der Stadt Gaza, sollte die islamistische Hamas nicht zu ihrer Entwaffnung und der Freilassung aller noch festgehaltenen Geiseln bereit sein. “Bald werden sich die Tore der Hölle über den Köpfen der Mörder und Vergewaltiger der Hamas in Gaza öffnen – bis sie den Bedingungen Israels für die Beendigung des Krieges zustimmen”, schrieb er in Onlinenetzwerken. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hatte am Donnerstag die Aufnahme “sofortiger Verhandlungen” zur Freilassung “aller Geiseln” angeordnet.

Er fügte hinzu, dass er bereit sei, die Pläne des bereits angelaufenen Armeeeinsatzes “zur Eroberung der Stadt Gaza” zu genehmigen, die darauf abzielten, die Hamas “zu besiegen”. Ein derzeit auf dem Tisch liegender Vermittlervorschlag, dem die Hamas nach eigenen Angaben zugestimmt hatte, sieht eine Freilassung einiger von ihr festgehaltener Geiseln vor – nicht aller. Ausgelöst worden war der Krieg im Gazastreifen durch den Großangriff der Hamas und mit ihr verbündeter Kämpfer auf Israel am 7.

Oktober 2023. Dabei wurden israelischen Angaben zufolge mehr als 1200 Menschen getötet, 251 Menschen wurden als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Israel geht seit dem Hamas-Großangriff massiv militärisch im Gazastreifen vor. Dabei wurden nach Angaben der Hamas-Behörden, die nicht unabhängig überprüft werden können, bislang mehr als 62.190 Menschen getötet.