EU-Handelsabkommen mit Indien: Niedrigere Zölle auf Autos, Wein und Pasta

Die deutsche Industrie gewinnt mit dem Handelsabkommen zwischen der EU und Indien einen neuen Absatzmarkt. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Indiens Premier Narendra Modi unterzeichneten das Abkommen am Dienstag in Neu Delhi. Indien senkt seine Zölle auf Produkte wie Autos, Chemieprodukte, Wein und Pasta damit deutlich, auch der Handel mit Dienstleistungen soll einfacher werden.

Industrieverbände sprachen von einem “Feiertag”.”Wir haben es geschafft”, sagte von der Leyen nach der Unterzeichnung in Neu Delhi. Der in Indien als “Mutter aller Abkommen” gefeierte Vertrag sei “eine starke Botschaft, dass Zusammenarbeit die beste Antwort auf globale Herausforderungen ist”. Die EU will ein Zeichen für den freien Welthandel und gegen Handelshemmnisse aus Washington und Peking setzen.

Das Abkommen sieht einen schrittweisen Abbau der Zölle vor. In der Autoindustrie sollen die Aufschläge insgesamt auf zehn Prozent sinken. Es gilt eine Obergrenze für die niedrigeren Zölle von insgesamt 250.000 Autos, davon 160.000 Verbrenner und 90.000 Elektroautos. Zum Vergleich: Bislang exportieren europäische Autobauer jährlich gerade einmal rund 3000 Autos nach Indien. Das liegt an hohen Zöllen: Bislang werden für Autos im Wert von weniger als 40.000 Dollar (rund 33.700 Euro) 66 Prozent fällig, für teurere Autos sogar 110 Prozent.

Der Verband der deutschen Autoindustrie (VDA) sprach von einem “enormen Potential” auf dem indischen Markt. “Indien ist für die deutsche Automobilindustrie ein zentraler Partner, ein wichtiger Produktionsstandort und wichtiger Zukunftsmarkt”, erklärte VDA-Präsidentin Hildegard Müller. Das Abkommen schaffe Verlässlichkeit für die Autobauer. Der Verband der Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) rief einen “Feiertag” aus. “Der exportorientierte Maschinen- und Anlagenbau braucht regelbasierten Handel wie die Luft zum Atmen”, erklärte VDMA-Geschäftsführer Thilo Brodtmann. “Mit dem Abkommen setzt Europa ein unübersehbares Signal für regelbasierten Handel und gegen das Recht des Stärkeren.” Auch der Chemieverband VCI hofft auf neue Exportmöglichkeiten und eine engere Zusammenarbeit mit indischen Lieferanten.

Indien profitiert in seiner Textil-, Leder-, Pharma- und Stahlindustrie von der Vereinbarung. Die EU gewährt indischen Stahlproduzenten nach Angaben eines Kommissionsbeamten künftig zollfreie Stahleinfuhren im Umfang von 1,6 Millionen Tonnen pro Jahr. Damit erhält Indien eine Ausnahme von den erhöhten EU-Stahlzöllen, die im vergangenen Jahr beschlossen wurden. Die Quote liegt allerdings niedriger als Importmengen in früheren Jahren.

Auch die europäische Landwirtschaft soll profitieren. Die Zölle auf Wein sollen von bislang 150 Prozent deutlich sinken – auf 20 Prozent für teurere und 30 Prozent für günstigere Weine. Die Zölle auf Olivenöl, Pasta und Schokolade sollen ganz wegfallen. Indien will im Gegenzug mehr Tee, Kaffee, Weintrauben und anderes Obst und Gemüse in die EU exportieren. Andere Agrarprodukte wie Rind-, Schweine- und Hühnchenfleisch sowie Reis und Zucker sind nicht Teil des Abkommens.

In Europa ist die Vereinbarung deshalb deutlich weniger umstritten als etwa das Handelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) begrüßte die Einigung als “neues Kapitel der europäischen Handelspolitik”. Er erklärte, das Abkommen werde “neue Chancen für Wachstum und gute Arbeitsplätze” in Europa wie in Indien schaffen.

Indien ist mit rund 1,4 Milliarden Einwohnerinnen und Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Erde und dürfte Schätzungen zufolge in diesem Jahr zur viertgrößten Volkswirtschaft aufsteigen – die EU will sich einen Zugang zu dem Exportmarkt sichern. Umgekehrt ist die EU bereits Indiens größter Handelspartner. Die EU bemüht sich um alternative Handelspartner, nicht zuletzt, seit US-Präsident Donald Trump mit seiner Zollpolitik für Probleme in der europäischen Exportwirtschaft sorgt.

Mit Indien will die EU außerdem in der Cybersicherheit und der Terrorismus-Abwehr enger zusammenarbeiten.