Ein Ticket für mehrere EU-Länder: Brüssel will lange Zugreisen einfacher machen
Mit dem Zug statt mit dem Flugzeug durch Europa: Die EU-Kommission will lange Zugreisen mit grenzübergreifend geltenden Tickets einfacher für Reisende machen. Sie legte am Mittwoch einen Gesetzesvorschlag vor, der Betreiber wie die Deutsche Bahn verpflichten soll, auch Fahrkarten der Bahnunternehmen in anderen Ländern zu verkaufen. Bei verpassten Anschlüssen sollen Passagiere europaweit eine Entschädigung bekommen.
Die Bahn begrüßte den Vorstoß der Brüsseler Behörde “im Grundsatz”. EU-Kommissar Apostolos Tzitzikostas sagte bei einer Pressekonferenz, die Behörde erwarte durch die Maßnahmen einen Rückgang bei den Ticketpreisen und einen Anstieg bei der Zahl der Zugreisenden um rund fünf Prozent. Er hoffe, dass der Gesetzesvorschlag innerhalb der kommenden zwei Jahre umgesetzt werde. Bislang sind grenzüberschreitende Zugreisen häufig kompliziert, weil Fahrkarten von mehreren Anbietern nötig sind.
Wer einen Anschluss verpasst, hat oft schlicht Pech gehabt: Bei mehreren Fahrkarten verschiedener Anbieter ist in der Regel niemand dafür zuständig, einen Folgezug oder ein Hotel für die Nacht zu organisieren oder gar eine Entschädigung zu zahlen. Damit sich das ändert, sollen die großen Bahnunternehmen nach Vorstellung aus Brüssel ihre Fahrpläne, Verspätungen und Preise mit anderen Anbietern teilen.
Sowohl die großen Bahnbetreiber als auch unabhängige Plattformen sollen so Reisen quer durch Europa mit einer einzigen Fahrkarte anbieten können. Die EU-Kommission hat große Unternehmen wie die Deutsche Bahn und die spanische Renfe bereits mehrfach ermahnt, ihre Daten freizugeben, um den Wettbewerb anzukurbeln. Die Bahnbetreiber sträuben sich jedoch. “Es gibt keinen anderen Fall, in dem jemand verpflichtet wird, das Produkt der Konkurrenz zu verkaufen”, sagte der Chef des Verbands europäischer Bahnbetreiber, Albert Mazzola, der Nachrichtenagentur AFP.
Ähnlich wie innerhalb Deutschlands sollen Passagiere bei verpassten Anschlüssen den nächsten Zug nehmen oder eine Erstattung des gesamten Fahrpreises beantragen können. Bei langen Verspätungen soll eine Entschädigung fällig werden. Die Kosten soll der Betreiber übernehmen, der die Probleme verursacht hat. Die Vorschläge aus Brüssel gehen nun in die Verhandlungen im Europaparlament und im Rat der 27 EU-Länder.
Konzerne in staatlicher Hand wie die Deutsche Bahn, die französische SNCF, Spaniens Renfe oder Trenitalia dürften Druck auf ihre Regierungen machen, die Vorschläge zumindest abzuändern. Die Deutsche Bahn begrüßte am Mittwoch “im Grundsatz” das Ziel der EU-Kommission, grenzüberschreitende Bahnreisen in Europa attraktiver zu machen. Wichtig sei, dass am Ende des Gesetzgebungsverfahrens “faire Wettbewerbsbedingungen für alle Verkehrsträger” gälten, erklärte der Konzern.
Bisher erzielte Verbesserungen im internationalen Ticketing müssten dabei “angemessen berücksichtigt” werden. Die Bahn hat ein internationales Buchungssystem entwickelt, über das bereits Tickets mehrerer ausländischer Bahnunternehmen erhältlich sind. Im Europaparlament machen Abgeordnete über die Fraktionsgrenzen hinweg Druck für bessere Passagierrechte. “Mit der Bahn zu reisen sollte in Europa genauso einfach sein wie einen Flug zu buchen”, forderte die Grünen-Abgeordnete Lena Schilling.
Das heutige System mit verschiedenen nationalen Anbietern sie “weder verbraucherfreundlich noch zeitgemäß”, erklärte die SPD-Abgeordnete Vivien Costanzo. Abgeordnete von Union und FDP hoffen, dass die Vorschläge aus Brüssel den Wettbewerb auf der Schiene und beim Fahrkartenverkauf ankurbeln. Mehr Wettbewerb “bringt den Fahrgästen besseren Service und niedrigere Preise”, sagte der FDP-Abgeordnete Jan-Christoph Oetjen.
Sein CDU-Kollege Jens Gieseke betonte, er erwarte “eine konkrete europäische Erleichterung im Alltag”. Einer Umfrage im Auftrag der Umweltorganisation Transport & Environment (Verkehr und Umwelt, T&E) zufolge haben sich zwei Drittel der Befragten schon einmal gegen eine Zugreise entschieden, weil der Buchungsprozess zu kompliziert war. Hinzu kommt, dass internationale Zugfahrten im Schnitt 70 Prozent länger dauern als ein Flug zum gleichen Ziel, Wartezeiten am Flughafen allerdings nicht mit eingerechnet.
Dennoch werden internationale Zugreisen nach Angaben der Betreiber schon jetzt stetig beliebter. Die Deutsche Bahn verzeichnete im vergangenen Jahr einen deutlichen Zuwachs auf ihren Verbindungen ins Ausland.
Wed, 13 May 2026 10:51:03 GMT
