Aufregung um Rente mit 70: Rentenkommission dementiert Festlegung
Die von der Regierung eingesetzte Rentenkommission soll erst Ende Juni ihre Empfehlungen vorlegen, doch schon jetzt sorgen angebliche Pläne für Aufregung. Die “Bild”-Zeitung berichtete am Donnerstag, dass das Gremium eine Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre empfehlen wolle. Kommissionsmitglieder dementierten dies umgehend – scharfe Kritik kam aber sofort von Gewerkschaften, Grünen, Linken und auch dem Arbeitnehmerflügel der CDU.
Die Rentenkommission hat für ihre Beratungen strikte Vertraulichkeit vereinbart – und diese bislang gewahrt. Die “Bild” berichtete aber unter Berufung auf “Kommissionskreise”, das Gremium wolle die schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre bis in die 2060er Jahre vorschlagen. Zudem wolle sie ein Absenken des Rentenniveaus bis auf 46 Prozent empfehlen.
Aktuell sind es 48 Prozent. Mitglieder der Kommission dementierten derartige Festlegungen. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Annika Klose, die dem Gremium angehört, sagte AFP, “dass Vieles noch nicht entschieden ist und wir noch vier bis fünf Wochen brauchen”. Von daher könne sie sagen, “dass der ‘Bild’-Bericht nicht stimmt”. Kommissionsmitglied Pascal Reddig (CDU) sagte AFP, der Bericht treffe “schon deshalb nicht zu, weil bislang über die beschriebenen Punkte noch keine Beschlüsse getroffen wurden”.
Das Bundessozialministerium lehnte es ab, “vermeintliche Zwischenstände aus der Rentenkommission” zu kommentieren, wie ein Sprecher erklärte. “Die Bundesregierung vertraut auf die hohe Kompetenz und Expertise der Kommissionsvorsitzenden, einvernehmliche Empfehlungen der gesamten Kommission zu erreichen.”Kanzleramtsminister Thorsten Frei (CDU) sprach im Sender Welt TV von “Wasserstandsmeldungen” und “Spekulationen”.
Der Vorschlag längerer Lebensarbeitszeiten sei aber generell “sehr vernünftig” und zeuge von einem Bewusstsein für Generationengerechtigkeit.”Ich finde es richtig, wenn unsere Generation in den 2050er-Jahren bis 70 arbeiten geht”, sagte auch der 37-jährige Unionsfraktionsvize Sepp Müller (CDU) den Sendern RTL und ntv. Es gehe jetzt darum, das Rentenniveau zu stabilisieren und dafür zu sorgen, “dass unsere Generation überhaupt noch Rente erleben darf”.
Der Arbeitnehmerflügel der CDU warnte hingegen: Eine pauschale Anhebung auf 70 Jahre wäre “der falsche Schritt”, sagte Dennis Radtke, der Vorsitzende des CDU-Arbeitnehmerflügels CDA, der AFP. “Wir haben schon heute Menschen, die aufgrund der Belastung keine Chance haben, überhaupt bis 67 zu arbeiten.” “Nach den zahlreichen Schlägen ins Gesicht folgen jetzt die ersten Tritte”, erklärte die Linken-Ko-Fraktionschefin Heidi Reichinnek.
Sie kritisierte Gedankenspiele zu einer Rente mit 70 als “unfassbar sozial kalt”.”Diese Vorschläge gehen zu Lasten der jüngeren Generation” und “verunsichern viele Menschen”, sagte Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann AFP. Würden sie kommen, wären sie “ein Versagen der Regierungskoalition”. Ein klares Nein kam auch von Gewerkschaften und Sozialverbänden.
Ein höheres Rentenalter sei “eine Rentenkürzung für alle Beschäftigten und bestraft all jene, die nicht länger arbeiten können oder von den Unternehmen nicht mehr eingestellt werden”, kritisierte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel. Der Präsident der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Michael Groß, nannte die Berichte über das höhere Eintrittsalter “gruselig”. “Wie sollen Arbeitnehmer*innen in körperlich fordernden Berufen das bitte durchhalten”, gab er zu bedenken.
Er forderte die Rentenkommission auf, “auf ihrem Irrweg eine Vollbremsung und Kehrtwende zu machen”. Zustimmung zu den angeblichen Plänen kam hingegen von Ökonomen. Zur Stabilisierung des Rentensystems gebe es “nur drei Stellschrauben: den Beitragssatz, das Rentenniveau und das Rentenzugangsalter”, sagte der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, der “Rheinischen Post”.
Eine Rente mit 70 könnte das Rentenniveau stabilisieren, ohne den Beitragssatz anzuheben. Auch der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, sprach sich für die Rente mit 70 aus. Zugleich warnte er vor einer Absenkung des Rentenniveaus.
Thu, 21 May 2026 14:16:04 GMT
