EU-Emissionshandel: Industrie soll mehr und länger CO2 ausstoßen dürfen

Die europäische Industrie soll mehr und länger Kohlendioxid (CO2) ausstoßen dürfen als bisher geplant. Die EU-Kommission schlug am Freitag vor, den europäischen Emissionshandel (ETS) anzupassen und die verfügbare Menge an CO2-Zertifikaten langsamer zu senken. Brüssel reagiert damit auf Druck aus der Industrie und mehreren Mitgliedstaaten, die Kosten für kriselnde Branchen senken wollen.

Wirtschaftsverbände begrüßten die Vorschläge. Die EU deckelt mit dem ETS die Menge an Kohlendioxid (CO2), die bestimmte Sektoren insgesamt ausstoßen dürfen. Darunter fallen etwa die Stahl- und Aluminiumproduktion, die Chemieindustrie, Strom- und Wärmeproduzenten sowie Düngemittelhersteller. Die Unternehmen müssen CO2-Zertifikate kaufen, deren Gesamtzahl jedes Jahr sinkt, um den Kohlendioxidausstoß zu reduzieren.

Bislang sollte die Zahl der Zertifikate bis Ende 2039 auf Null sinken. Die Kommission will sie nun langsamer reduzieren, sodass der Emissionshandel in den 2040er-Jahren weitergeht. Es könnte bis 2046 oder 2048 dauern, bis die betroffenen Industrien ihre CO2-Emissionen vollständig ausgleichen, sagte eine EU-Beamtin in Brüssel. Einige Unternehmen erhalten kostenlose Zertifikate, damit ihnen im internationalen Wettbewerb kein Nachteil durch die ETS-Kosten entsteht.

Diese kostenlosen Zertifikate gehen an diejenigen Firmen, die pro Tonne des fertigen Produkts am wenigsten CO2 ausstoßen. Eigentlich sollten 2034 die letzten kostenlosen Zertifikate ausgegeben werden, diese Frist will die Kommission auf Ende 2037 verlängern. In Zukunft sollen die kostenlosen Zertifikate aber für viele Unternehmen an Investitionen in die Abkehr von Öl und Gas geknüpft werden. Damit können alternative Kraftstoffe wie Wasserstoff oder die Elektrifizierung gefördert werden.

Die Kommission gab am Freitag außerdem als Ziel aus, bis 2040 fast die Hälfte des Energiebedarfs in der EU elektrisch zu decken – bisher ist es weniger als ein Viertel. Deutsche Wirtschaftsverbände begrüßten die Vorschläge. Eine Verlängerung des ETS über 2040 hinaus sei “überfällig”, erklärte der Chef der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Peter Adrian. Dem Chemieverband VCI gingen die Reformvorschläge nicht weit genug: Verbandschef Wolfgang Große Entrup kritiiserte etwa die geplanten Investitionsvorgaben als “Daumenschrauben”.

Brüssel schlug außerdem Änderungen für den Flugverkehr vor. Bisher sind nur innereuropäische Flüge vom ETS abgedeckt. In Zukunft soll der CO2-Preis auch für Flüge in Staaten außerhalb der EU greifen, den Vorschlägen vom Freitag zufolge aber nur bis zu einer gewissen Entfernung. Drehkreuze wie Istanbul oder Abu Dhabi wären betroffen, Langstreckenflüge in die USA oder nach China aber nicht.

Die Vorschläge der Kommission gehen nun in die Verhandlungen im Rat der 27 EU-Länder und im Europaparlament. Zu den Streitpunkten dürfte gehören, was mit den milliardenschweren Einnahmen aus dem Emissionshandel passiert. Die Kommission will, dass mindestens die Hälfte des Geldes zweckgebunden in Investitionen in der Industrie fließt, nicht mehr in den allgemeinen Haushalt der Mitgliedstaaten.

Trotz der Reform soll der Emissionshandel das Kernstück der europäischen Klimapolitik bleiben. Die EU habe bewiesen, dass ein CO2-Preis funktioniere, erklärte EU-Klimakommissar Wopke Hoekstra. “Europas Wettbewerbsfähigkeit wird auf sauberen Energien aufgebaut sein, nicht auf fossilen Brennstoffen”, betonte Kommissionsvizepräsidentin Teresa Ribera. Kritiker befürchten, die Reform könnte die Klimaziele der EU aufs Spiel setzen. “Dringed benötigte Investitionen in Innovationen sind in Gefahr”, erklärte die Vorsitzende der Denkfabrik Strategic Perspectives, Linda Kalcher.

Unternehmen, die sich an die Klimapolitik und hohe CO2-Preise angepasst hätten, könnten nun das Nachsehen haben, warnte auch die Organisation Germanwatch.”Die zusätzlichen Spielräume ändern nichts am klimapolitischen Gesamtkurs der EU”, urteilte hingegen der Potsdamer Professor Ottmar Edenhofer, der zu Klimaschutzinstrumenten wie dem ETS forscht. Vielmehr schaffe die Reform “Klarheit darüber, welchen Beitrag der Emissionshandel zum Klimaziel” leisten solle, fügte er hinzu.

Wenn die Industrie weniger Emissionen einspart, müssen dies also andere Sektoren ausgleichen. Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2050 nur noch so viele Treibhausgase in die Atmosphäre auszustoßen, wie von natürlichen Senken wie etwa Wäldern und technischen Speichern aufgefangen werden kann. Kohlendioxid ist dabei das wichtigste Treibhausgas. Für ein Zwischenziel 2030 ist die EU Forschern zufolge auf einem guten Weg, danach wird es aber schwieriger.

Fri, 17 Jul 2026 12:08:37 GMT