Kindesmissbrauch: Weitere Ermittlungen gegen verurteilten Ex-Chirurgen in Frankreich
Mehr als ein Jahr nach der Verurteilung des früheren Chirurgen Joël Le Scouarnec wegen hundertfachen Kindesmissbrauchs hat die französische Justiz weitere Ermittlungen durch einen Untersuchungsrichter eingeleitet. Dabei gehe es um 48 mutmaßliche Opfer, die dem ehemaligen Arzt sexuellen Missbrauch und in zehn Fällen auch Vergewaltigung vorwerfen, teilte die Staatsanwältin von Lorient, Laetitia Mirande, am Mittwoch mit.
Während des ersten Prozesses gegen Le Scouarnec, der vergangenes Jahr zu 20 Jahren Haft verurteilt worden war, seien Hinweise auf weitere Straftaten bekanntgeworden. Zudem seien weitere Anzeigen eingegangen, erklärte die Staatsanwältin. Die Fälle, in denen nun ermittelt wird, ereigneten sich in den Jahren 1987 bis 2017. Sie seien noch nicht verjährt. Im ersten Verfahren waren dem Mediziner 111 Vergewaltigungen und 189 sexuelle Übergriffe zur Last gelegt worden, die er pauschal gestand.
Seine Opfer waren im Schnitt elf Jahre alt. Wie der Mediziner in seinen Tagebüchern notierte, verging er sich über 25 Jahre hinweg bei seiner Arbeit in verschiedenen Krankenhäusern an Jungen und Mädchen unter dem Vorwand von Untersuchungen oder während sie unter Narkose standen. Vor Gericht hatte der frühere Chirurg gestanden, auch die damals zweijährige Tochter seines ältesten Sohnes missbraucht zu haben. Die Anwälte von Le Scouarnec waren zunächst nicht erreichbar. “Dieser Fall ist ein Fass ohne Boden”, sagte Manon Lemoine, Sprecherin des Opferkollektivs.
Sie kritisierte die Justiz, da die Anwälte der Opfer nicht über die neuen Ermittlungen informiert worden seien. Der französische Justizminister Gérald Darmanin werde am Freitag erstmals mit Opfern des Mediziners in Vannes zusammentreffen, fügte sie hinzu. Die Staatsanwältin erklärte, dass in den kommenden Wochen eine Begleitung der Opfer eingerichtet werden soll. Le Scouarnec hatte in rund zwölf verschiedenen Krankenhäusern im Westen Frankreichs gearbeitet.
Obwohl manche seiner Chefs und Kollegen wussten, dass er bereits früher wegen Kinderpornographie verurteilt worden war, behinderte dies nicht seine Karriere. Bei seiner Festnahme 2017 nach einer Anzeige wegen Vergewaltigung eines sechs Jahre alten Nachbarkindes stießen die Ermittler auf Tagebücher, in denen er seine Opfer minutiös auflistete. Der Prozess gegen ihn war das bislang größte Verfahren zu sexuellem Kindesmissbrauch in Frankreich.
Thu, 20 Aug 2026 09:31:08 GMT
