Deutscher Buchpreis geht an Shida Bazyar und “Die Lücken”

“Die Lücken”  ist der Roman des Jahres 2026: In einem von der Jury als ausgesprochen stark beschriebenen Jahrgang neuer deutschsprachiger Romane zeichneten die Juroren am Montagabend Shida Bazyar für ihr Werk über jüdisches Leben, die NS-Vergangenheit und Migration in einem Ort im Hunsrück mit dem Deutschen Buchpreis aus. “Die Lücken” sei ein “Roman gegen Gleichgültigkeit”, erklärten die Juroren zur Begründung.

Bazyar nutzte ihre Dankesrede im Kaisersaal des Frankfurter Römers zu einer Aufforderung, sich der zunehmenden politischen Radikalisierung in Deutschland entgegenzustellen. Sie wolle “darauf hinweisen, dass antisemitische Straftaten auf ihrem Höchststand sind und die rassistischen auch und dass es im Moment keine Minderheit in Deutschland gibt, die keinen Grund zur Sorge hat”, sagte die 1988 als Kind iranischer Flüchtlinge in Hermeskeil in Rheinland-Pfalz geborene Schriftstellerin.

Die Gemeinde im Hunsrück war Vorlage der fiktiven Gemeinde Heimesbach in ihrem Roman. Auch heute werde wieder über Deportationen in Deutschland gesprochen, auch wenn es anders genannt werde, sagte Bazyar zur Forderung der AfD nach Remigration von Zuwanderern. “Ich möchte sehr eindringlich dazu auffordern, dagegen zu halten.” Denn es passiere gerade das, was Faschisten immer tun: “Sie kursieren immer mit irgendwelchen Dingen, die wir nicht glauben, bis wir uns daran gewöhnt haben und sie eintreten.”Der neue Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Sebastian Guggolz, zitierte aus der Begründung der Jury für die Auszeichung von “Die Lücken”, Bazyar reflektiere in ihrem Roman anhand einzelner Figurenschicksale fast 100 Jahre ambivalenten deutschen Lebens.

Es seien die Nachbarn gewesen, die zusahen, als jüdische Menschen aus den Straßen verschwanden. “Es sind Nachbarn, die Entscheidungen treffen, ob Menschen mit Migrationsgeschichte sich zu Hause fühlen.” Bazyar habe eine enge Verbindung zwischen literarischen und dokumentarischen Elementen, erfundenen und realen Figuren geschaffen und damit einen starken Nachhall des Textes erzeugt.

Der Deutsche Buchpreis ist eine der renommiertesten Auszeichnungen für deutschsprachige Literatur. Er ist mit 25.000 Euro dotiert, die weiteren Romane auf der Shortlist erhalten 2500 Euro. Neben Bazyar nominiert waren Franziska Gänsler mit “Orca”, Valeria Gordeev mit “Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle”, Elias Hirschl mit “Schleifen”, Peggy Mädler mit “Selbstregulierung des Herzens” und Dana Vowinckel mit “Anton und Alma”.

Im vergangenen Jahr gewann Dorothee Elmiger mit “Die Holländerinnen” den Preis. Die Verleihung fand am Vorabend der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse statt. Diese wird am Dienstag feierlich eröffnet, ab Mittwoch ist die weltweit größte Bücherschau für das Fachpublikum geöffnet, ab Freitag für das allgemeine Publikum. Zum Abschluss am Sonntag wird der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.

Den Preis erhält der französisch-britische Jurist und Schriftsteller Philippe Sands.

Mon, 05 Oct 2026 17:40:06 GMT