Tausende Spitzel: Ungarn legt Archive der kommunistischen Geheimpolizei offen
Die ungarische Regierung hat die Archive der kommunistischen Geheimpolizei geöffnet und der Öffentlichkeit den Zugang zu den Akten von zehntausenden Informanten ermöglicht. Eine entsprechende Datenbank mit Informationen zu 50.000 bis 60.000 Spitzeln der Staatssicherheit wurde am Mittwoch um 10.00 Uhr freigeschaltet. “Nach 36 Jahren erfüllen wir endlich eines der zentralen Versprechen des Regimewechsels 1990”, sagte der ungarische Ministerpräsident Peter Magyar.
Dieses Versprechen sei nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft geleugnet und verschleiert worden. Die bislang unter Verschluss gehaltenen Informationen hätten jahrzehntelang Raum geboten für “politische Hysterie, Erpressung, Druckausübung und Mundtotmachen”. Vor der Freischaltung der Datenbank hatten Gerüchte die Runde gemacht, dass der frühere ungarische Regierungschef Viktor Orban ein Spitzel der Staatssicherheit gewesen sei.
Sein Name taucht in den Dokumenten aber nicht auf. Orbans rechtsnationalistische Fidesz-Partei war im April nach 16 Jahren an der Macht abgewählt worden. Der konservative Ministerpräsident Magyar steht seit Mai an der Spitze der pro-europäischen Regierung in Budapest. Wie die Stasi in der DDR stützten sich während der Herrschaft der Kommunisten von 1949 bis 1989 auch die Behörden in Ungarn auf ein breites Netzwerk an Informanten, um die Bevölkerung zu überwachen.
Die Geheimpolizei rekrutierte Schätzungen zufolge insgesamt 150.000 Spitzel, die oftmals unter Druck gesetzt wurden, um Informationen über Kollegen, Freunde oder Familienangehörige zu beschaffen. Aufzeichnungen sind aber nur zu rund 50.000 Informanten erhalten. Viele Akten wurden während des ungarischen Volksaufstands im Oktober 1956 zerstört oder verschwanden während der Übergangsphase zur Demokratie.
Einige von ihnen sollen nach Moskau gebracht worden sein. 2002 war der damalige ungarische Regierungschef Peter Medgyessy kurz nach seinem Amtsantritt in Bedrängnis geraten, als seine Tätigkeit als Agent der Geheimpolizei enthüllt wurde. Damals wurden Forderungen nach mehr Transparenz laut. 2003 trat ein Gesetz in Kraft, das es Betroffenen ermöglicht zu erfahren, von wem sie bespitzelt wurden.
Der breiten Öffentlichkeit blieb der Zugang aber verwehrt und auch Historiker mussten einen Antrag stellen, wenn sie die Akten einsehen wollten. Der Historiker Laszlo Eorsi vom 1956-Institut sagte der Nachrichtenagentur AFP, mit der Öffnung der Archive erhielten die Wissenschaftler nun “viel mehr Informationen darüber, wen die Behörden rekrutiert haben und wie der Sicherheitsapparat damals gearbeitet hat”.
Historiker warnen jedoch zugleich vor Vorverurteilungen von Menschen, deren Namen in den Listen der Informanten auftauchen. Er kenne einige Fälle, in denen die betreffenden Personen “keine Berichte erstellen und stattdessen ein enormes Risiko eingingen, indem sie sich den Behörden entgegenstellten”, sagte Eorsi. “Einige können sogar als wahre Helden betrachtet werden.” In den kommenden Monaten könnten die nun zugänglichen Dokumente eine gewisse “Hysterie” auslösen, sagte der Historiker.
Er erwarte weitere Aufklärung von einem zweiten Datensatz mit detaillierten Informationen über rund 9000 Spitzel, der im Februar veröffentlicht werden soll.
Wed, 04 Nov 2026 12:59:18 GMT
