Äthiopien: Regierungstruppen kontrollieren offenbar Rebellen-Hauptstadt Mekele
In Äthiopien haben Regierungstruppen im Tigray-Konflikt offenbar die volle Kontrolle über die Hauptstadt der Rebellen-Provinz übernommen. Soldaten der Armee und mit ihr verbündete Milizen patrouillierten am Sonntag in den Straßen von Mekele und besetzten Schlüsselinstitutionen, wie ein örtlicher Journalist am Sonntag der Nachrichtenagentur AFP berichtete. International wächst die Angst vor einer Ausweitung des Konflikts am Horn von Afrika. Am Samstag waren die Regierungstruppen ohne Widerstand in die Stadt einmarschiert.
Die Führung und Kämpfer der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) hatten Mekele verlassen. Die Kämpfe im Norden Äthiopiens waren am 23. September wieder aufgeflammt. Die TPLF startete Angriffe in den an Tigray angrenzenden Provinzen Amhara und Afar, wurde in den vergangenen Tagen aber von Regierungstruppen und verbündeten Milizen zurückgedrängt. Aus Afar wurde die TPLF nach Angaben einer humanitären Quelle vollständig vertrieben.
Am Freitag hatten regierungsnahe Milizen eigenen Angaben zufolge bereits den Flughafen von Mekele unter ihre Kontrolle gebracht. TPLF-Chef Debretsion Gebremichael stellte angesichts der Rückschläge für seine Truppen einen Übergang zu einer Guerillataktik in Aussicht. “Unsere Strategie ist es, den Feind dort zu treffen, wo wir wollen”, sagte er in einer am Donnerstag veröffentlichten Videobotschaft.
Schon 2020 hatten Regierungstruppen Mekele eingenommen. Die TPLF zog sich damals in die Berge zurück, begann einen Guerillakampf und eroberte die Stadt Mitte 2021 zurück. Die neue Eskalation belastet inzwischen auch die Beziehungen Äthiopiens zu mehreren Nachbarstaaten schwer. Addis Abeba wirft Eritrea, dem Sudan und Ägypten vor, die TPLF zu unterstützen. Die drei Länder weisen dies zurück. Äthiopien wiederum sieht sich Vorwürfen ausgesetzt, die RSF-Miliz im Sudan zu unterstützen.
Ägypten seinerseits betrachtet die äthiopische Talsperre Grand Ethiopian Renaissance Dam (Gerd) als “existentielle Bedrohung”. Die Präsidenten Ägyptens, Eritreas und Somalias sowie Sudans Armeechef berieten am Sonntag am Rande eines Treffens der Afrikanischen Union im ägyptischen El-Alamein über die jüngsten “Entwicklungen am Horn von Afrika und in der Region des Roten Meeres”.
Sie riefen dazu auf, “die Souveränität, Einheit und territoriale Integrität von Staaten zu achten, ihre nationalen Institutionen zu unterstützen, eine Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten abzulehnen und Streitigkeiten auf friedlichem Wege beizulegen”, wie die ägyptische Präsidentschaft mitteilte. Washington rief angesichts der Gefahr einer Ausweitung des Konflikts mit Eritrea zu “Zurückhaltung” und “Dialog” auf.
Das US-Außenministerium erklärte am Samstag (Ortszeit), “zunehmende grenzüberschreitende Spannungen zwischen Äthiopien und Eritrea haben das Potenzial, sich auf die gesamte Region auszuwirken”. Das Horn von Afrika könne “keinen weiteren militärischen Konflikt und keine weitere humanitäre Krise” verkraften. Die USA forderten die beiden Länder “nachdrücklich” auf, “die Souveränität und territoriale Integrität ihrer Nachbarn zu respektieren, größtmögliche Zurückhaltung zu üben und zu Dialog und Zusammenarbeit zurückzukehren”.
Die TPLF hatte Äthiopien von 1991 bis 2018 dominiert, verlor mit dem Aufstieg von Ministerpräsident Abiy Ahmed aber ihren Einfluss auf die Zentralregierung. Im April vertrieb sie die von der Zentralregierung eingesetzte Verwaltung aus Tigray und übernahm dort wieder faktisch die Kontrolle. Im Krieg zwischen der äthiopischen Armee und der TPLF von November 2020 bis November 2022 waren nach Schätzungen der Afrikanischen Union wahrscheinlich mehr als 600.000 Menschen getötet worden.
Das Friedensabkommen von Pretoria beendete die Kämpfe zwar, zentrale Vereinbarungen wurden jedoch nicht umgesetzt. Dazu gehören die Entwaffnung der TPLF und die Rückkehr hunderttausender Vertriebener.
Sun, 04 Oct 2026 19:21:27 GMT
