Nach Zwangsräumung von Wohnung einer 87-Jährigen: Protestcamp in Madrid errichtet
Die Zwangsräumung der Wohnung einer 87-jährigen Frau hat in Spanien massive Proteste ausgelöst. Nach einer Großdemonstration in der Hauptstadt Madrid mit zehntausenden Teilnehmerinnen und Teilnehmern am Samstagabend harrten am Sonntag hunderte Menschen in einem Protestcamp auf dem zentralen Platz Puerta del Sol aus. Ministerpräsident Pedro Sánchez kündigte an, seine Regierung arbeite “mit Hochdruck” an einem Maßnahmenpaket gegen die Wohnungsnot.
Bilder davon, wie die 87-jährige Maricarmen Abascal am Mittwoch auf einer Trage aus ihrer Wohnung in Madrid geholt wurde, hatten die Debatte über bezahlbaren Wohnraum in Spanien neu entfacht. Hunderte Menschen übernachteten in Zelten auf der Puerta del Sol, um gegen die Zwangsräumung und für mehr Mieterschutz zu demonstrieren. “Es ist Zeit, die Spielregeln zu ändern”, sagte die 47-jährige Psychologin María Juárez. “Die Menschen werden nicht gehen, bis sich etwas ein für alle Mal ändert.” Zuvor war ein langer Demonstrationszug durch das Zentrum Madrids marschiert. “Du könntest die nächste Maricarmen sein” und “Keine einzige Maricarmen mehr”, hieß es auf den Protestplakaten.
Die Demonstrierenden klapperten mit Schlüsselbunden und pfiffen, während sie durch die Straßen zogen. Die Behörden gaben die Teilnehmerzahl mit rund 25.000 an, die Organisatoren sprachen von mehr als 300.000 Demonstrierenden. Der Mieterverband rief die Menschen auf, sich auf dem Platz vor dem Sitz der Regionalregierung zu versammeln: “Wir können es nicht länger ertragen”, hieß es in einer im Onlinedienst X verbreiteten Erklärung: “Entweder stürzt das Mietensystem oder die Regierung stürzt.”Wenige Stunden vor Beginn der Demonstration hatte die betroffene Mieterin Abascal die Spanier in einer vom Mieterbund verbreiteten Videobotschaft aufgerufen, sich dem Protest für bezahlbaren Wohnraum und besseren Schutz vor Zwangsräumungen anzuschließen. “Ich will, dass das, was mir passiert ist, dazu beiträgt, dass es niemand anderem mehr passiert”, sagte die 87-Jährige darin. “Ich will, dass es den Leuten Mut macht zu kämpfen und die Gesetze zu verändern, die meine Zwangsräumung zugelassen haben.”Abascal hatte 70 Jahre lang in ihrer Wohnung in Madrid gelebt.
Am Mittwoch wurde die Wohnung zwangsgeräumt, nachdem ein Investor die Immobilie erworben und die Miete nach Angaben des Mieterverbands um 275 Prozent auf 2650 Euro monatlich erhöht hatte. Der Wohnungsmarkt in Spanien sei “unmöglich”, sagte der Demonstrant Enrique Ortega de Miguel, der mit 38 Jahren noch bei seiner Mutter lebt: “Es ist ein Kampf, eine bezahlbare Wohnung zu finden, und dann lebt man in der ständigen Angst, rausgeschmissen zu werden.”Seit Abascals Zwangsräumung hat es in Spanien wiederholt Proteste gegeben.
Regierungschef Sánchez steht unter Druck, weil er schon im vergangenen Jahr angekündigt hatte, das Thema Wohnungsnot anzugehen. Das Kabinett werde nun am Dienstag über ein als “Maricarmen-Erlass” bekannt gewordenes Maßnahmenpaket beraten, kündigte er am Sonntag an. Geplant sind unter anderem eine automatische Verlängerung von Mietverträgen und striktere Regelungen für Zwangsräumungen.
Sánchez rief bei einer Veranstaltung seiner Sozialistischen Partei alle Parteien auf, im Parlament für das Maßnahmenpaket zu stimmen, und kritisierte insbesondere die in der Hauptstadtregion regierende konservative Volkspartei. “Das ist keine Frage der Ideologie, das ist eine Frage der Menschlichkeit”, sagte der Regierungschef. Kritiker machen unter anderem Immobilienfonds sowie Kurzzeitvermietungen über Plattformen wie Airbnb für steigende Preise und die Knappheit von verfügbarem Wohnraum in Spanien verantwortlich.
Laut der Banco de España fehlen in dem Land etwa 700.000 Wohnungen.
Sun, 27 Sep 2026 12:10:07 GMT
