Neue Drohungen in Europa gegen Flüge und Medien – Irland vermutet “koordinierte Stör-Kampagne”
Die Welle von Bombendrohungen gegen Flugzeuge im europäischen Luftraum, Drohungen gegen Medien und Cyberattacken auf Supermärkte besorgt die Regierungen und Sicherheitsdienste in Europa: Die irische Regierung sprach am Freitag von einer mutmaßlich “koordinierten Stör-Kampagne”. Auch ein Sprecher des Auswärtigen Amts in Berlin sagte, die Anzahl der Fälle deute auf ein koordiniertes Vorgehen hin.
Unklar war, ob die Vorfälle im Zusammenhang mit Cyberangriffen auf Kühlsysteme europäischer Supermärkte standen, in diesem Fall schalteten sich nun deutsche Nachrichtendienste ein. Irland meldete eine Serie von Bombendrohungen gegen Radio- und Fernsehsender. Bewaffnete Polizisten rückten zur Zentrale des öffentlich-rechtlichen Rundfunks RTE in Dublin aus. Auch die Redaktionen der Zeitung “Irish Independent”, der Radiosender Newstalk und Today FM sowie des Fernsehsenders Virgin Media wurden nach Bombendrohungen evakuiert.
Der britische Sender Sky News erhielt nach eigenen Angaben eine “Sicherheitsdrohung”. Gegen elf Flüge von oder nach Prag und Sofia gab es Bombendrohungen. Zudem wurden vier Bombendrohungen gegen Flugzeuge erhoben, die französisches Hoheitsgebiet überflogen, sie landeten ohne Zwischenfälle. Auch vier weitere Flüge nach Madrid sowie ein Flug zwischen Lissabon und Rom waren betroffen.
Überall in Europa mussten zuletzt Flugzeuge umgeleitet, von Militärflugzeugen eskortiert, evakuiert oder durchsucht werden. Jedes Mal wurden keine Bomben gefunden. Zwar wurden keine Bekennerschreiben öffentlich. Die irische Regierung hielt es am Freitag jedoch für “wahrscheinlich, dass es sich um eine koordinierte Störkampagne handelt”. Die Folgen seien schwerwiegend, betonte ein Regierungssprecher: “Falsche Drohungen wie diese verursachen Angst, Stress und Störungen.” Polizei, Armee, Luftfahrtbehörden und Cyberspezialisten täten alles, “um die Verantwortlichen zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen”.
Insgesamt waren seit Beginn der Woche Dutzende europäischer Flüge sowie ein Kreuzfahrtschiff von Bombendrohungen betroffen. Bislang ist unklar, wer hinter den Drohungen steckt. In einigen Fällen gingen Bekennerschreiben ein, in denen von “Kämpfern des Männerstaats” die Rede ist, eine rechtsextreme Gruppierung aus Russland. Ein Zusammenhang ließ sich zunächst nicht belegen. Der Gründer des “Männerstaats” wies am Freitag jegliche Verbindung zu den falschen Bombendrohungen zurück.
Die Bombendrohungen seien “im Zusammenhang mit den hybriden Angriffen auf europäische Staaten” zu sehen, sagte der Experte Jean-Marc Rickli vom Geneva Centre for Security Policy (GCSP) der Nachrichtenagentur AFP. Bei minimalen Kosten hätten sie große Auswirkungen auf den Luftverkehr und auf das Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung. Die EU-Staaten werfen Russland und dem Iran immer wieder Destabilisierungsversuche mit Hilfe von Cyberattacken, Desinformationskampagnen und Sabotage vor.
Darüber hinaus hatte es zuletzt Cyberangriffe auf Kühlsysteme europäischer Supermärkte gegeben. Ob ein Zusammenhang besteht, ist unklar. Die Cyberattacken auf die Supermärkte beschäftigen nun aber die deutschen Nachrichtendienste, wie das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) dem “Handelsblatt” am Freitag mitteilte. Außerdem befasse sich das Gemeinsame Zentrum zur Bekämpfung hybrider Bedrohungen (GAZ Hybrid) mit dem Thema.
Dort arbeiten unter anderem Verfassungsschutz, Bundesnachrichtendienst (BND) und Militärischer Abschirmdienst (MAD) zusammen. Zuletzt hatten in Europa mehrere Länder Cyberangriffe auf Gefrier- und Kühlanlagen in Supermärkten gemeldet. Neben Schweden, Belgien, Estland, Finnland und Luxemburg gaben am Montag auch Italien, Irland, die Niederlande und Portugal Attacken bekannt. Auch in Deutschland kam es in einzelnen Lebensmittelmärkten zu Störungen.
Vor drei Wochen hatte es bereits einen massiven Cyberangriff auf Kühlanlagen von Supermärkten in Frankreich gegeben. Der französische Blutspendedienst bestätigte zudem einen besorgniserregenden Zwischenfall. Mehrere Kühlschränke, in denen Blutkonserven gelagert werden, seien von unbekannten Hackern von minus 30 Grad auf 110 Grad umprogrammiert worden, berichtete der Sender BFM am Mittwoch. Ein Techniker habe dies schnell entdeckt, es habe keine Schäden gegeben.
Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni sagte am Freitag, es sei unklar, ob der Angriff auf den Blutspendedienst, die falschen Bombendrohungen gegen Flüge oder die Angriffe auf Supermärkte in Verbindung stehen. “Aber sie zeigen uns alle zweifellos dasselbe: Heute ist zivile Infrastruktur das Ziel von Angriffen.”
Fri, 06 Nov 2026 18:18:31 GMT
