Rund 600.000 Menschen demonstrieren in Frankreich – vereinzelte Ausschreitungen

Der soziale Unmut in Frankreich hat am Donnerstag erneut zu Massenkundgebungen geführt: Mindestens 600.000 Menschen gingen nach offiziellen Angaben landesweit auf die Straßen, um bessere Bedingungen an Schulen und Universitäten und höhere Gehälter zu fordern. Premierminister Sébastien Lecornu kündigte für Montag eine “Sozialkonferenz” an, um auf die Forderungen der Demonstranten einzugehen.

Am Rande der Kundgebungen lieferten sich Sicherheitskräfte und Protestierende an mehreren Orten gewaltsame Auseinandersetzungen. In Paris nahmen mehrere Präsidentschaftskandidaten an der Demonstration teil, unter ihnen der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon und die Grüne Marine Tondelier. Sozialdemokrat Raphaël Glucksmann wurde ausgebuht und verließ die Kundgebung wieder. Die seit Wochen andauernden Proteste prägen den Präsidentschaftswahlkampf, in dem die Rechtspopulistin Marine Le Pen derzeit die besten Aussichten hat.

Amtsinhaber Emmanuel Macron brach inzwischen mit nur noch 13 Prozent Zustimmung den Unbeliebtheitsrekord seines Amtsvorgängers François Hollande. An mehreren Orten hielten die Demonstrierenden eine Schweigeminute für die Opfer eines rassistischen Anschlags, bei dem vor zwei Wochen nahe Paris ein Mensch getötet wurde und weitere Verletzungen erlitten. Zu dem Protesttag hatten mehrere Gewerkschaften schon Anfang Oktober aufgerufen.

Schüler- und Studierendenverbände sowie die Gelbwestenbewegung unterstützten den Aufruf und trieben damit die Teilnehmerzahlen in die Höhe. In der Hauptstadt blieb der Eiffelturm geschlossen. Zahlreiche Regionalzüge fielen aus. Im öffentlichen Dienst legten etwa zehn Prozent der Beschäftigten die Arbeit nieder. Am Morgen hatten Schülerinnen und Schüler erneut Blockaden aus Mülltonnen und Absperrgittern vor zahlreichen Schulen errichtet.

In vielen Fällen setzte die Polizei Tränengas ein. In Toulouse drangen Unbekannte mit Gesichtsmasken in eine Schule ein und entfachten dort einen Brand, der schnell gelöscht werden konnte. Nach Gewerkschaftsangaben waren landesweit knapp tausend der insgesamt 3700 Oberschulen von Blockaden betroffen. Die Regierung meldete 81 blockierte Schulen und 16 Prozent Streikbeteiligung bei den Lehrkräften.

Auch jede dritte Hochschule war von Protestaktionen betroffen. “Wir protestieren weiter, weil man uns immer noch nicht zuhört”, sagte die 15 Jahre alte Schülerin Luce aus Straßburg. “In anderen Ländern sind die Schultage viel kürzer, und das funktioniert auch”, sagte sie mit Blick auf die im internationalen Vergleich sehr langen Schultage in Frankreich. Die 17 Jahre alte Luna beklagte, dass in ihrer Schule die Heizung nicht funktioniere. Frankreichs Oberstufenschüler protestieren seit Mitte September gegen Lehrermangel, zu lange Schultage, Schulgebäude in marodem Zustand und die undurchsichtige Vergabe von Studienplätzen. Die Regierung versprach ein neues Bewerbungsverfahren und mehr Lehrerstellen, was die Schülerverbände jedoch als unzureichend bezeichneten.

In mehreren Fällen hatten die Behörden Kundgebungen in den Innenstädten verboten, um Plünderungen von Geschäften zu verhindern. An den vergangenen Wochenenden waren bei Ausschreitungen am Rande der Proteste rund 3000 Geschäfte beschädigt und geplündert worden. Die Gewerkschaften protestieren vor allem gegen die Sparpläne der Regierung und fordern höhere Löhne und Gehälter. “Wir wollen von unserer Arbeit vernünftig leben können”, sagte die CFDT-Gewerkschaftschefin Marylise Léon dem Sender BFM. Ungeachtet der gewaltsamen Zwischenfälle herrschte an vielen Orten gute Stimmung unter den Demonstrierenden.

In Lyon zeigten sich Demonstrierende als Superheld auf einem Pony oder als tanzendes Schwein verkleidet. Auf der Pariser Place de la République spielten Dutzende Musiker des Orchestre du Nouveau Monde (Orchester der Neuen Welt) Revolutionsslieder und brachten die Menge zum Mitsingen. Innenminister Laurent Nuñez hatte kürzlich eingeräumt, dass die Sicherheitskräfte am 17. Oktober – dem Tag der bislang folgenschwersten Ausschreitungen – überfordert gewesen seien.

Es habe eine “bislang nicht dagewesene Mischung” verschiedener Gruppen gegeben, darunter Gewerkschaften, Gelbwesten, linksradikale Randalierer, Kriminelle und junge Plünderer. Eine Änderung der Strategie oder eine reduzierte Bewaffnung der Sicherheitskräfte lehnte der Minister dennoch ab. “Die Sicherheitskräfte müssen sich verteidigen können, wenn sie angegriffen werden”, betonte er.

Nach seinen Angaben wurden allein am 17. Oktober 22.000 Tränengasgranaten eingesetzt. Dabei waren zahlreiche Menschen schwer verletzt worden. Die Polizeiinspektion ermittelt derzeit in 83 Fällen wegen mutmaßlich illegaler Polizeigewalt. 

Thu, 05 Nov 2026 16:38:56 GMT

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