Schon mehr als 1000 Tote nach Sturzflut im Himalaya – Suche nach Vermissten hält an
Sechs Tage nach der verheerenden Sturzflut im Grenzgebiet zwischen Nepal und Tibet ist die Zahl der Todesopfer auf über 1000 gestiegen. Allein in Nepal zählten die Behörden am Dienstag inzwischen 1003 bestätigte Todesfälle. Chinesische Staatsmedien hatten zuvor 16 Tote in Tibet gemeldet. Rettungsteams suchten derweil auf beiden Seiten der Grenze weiter nach Vermissten, darunter viele, die in Tunneln von Wasserkraftwerken eingeschlossen waren.
Die Sturzflut hatte am Mittwoch vergangener Woche ganze Ortschaften zerstört. Mehr als 3900 Menschen wurden nach Angaben der nepalesischen Behörden vermisst, chinesische Staatsmedien meldeten mehr als 500 Vermisste in Tibet. Ursache der Katastrophe war nach Einschätzung von chinesischen und US-Experten ein Gletscherabbruch an der Südflanke des Bergs Langtang Lirung in Nepal. Etwa 4500 Menschen wurden am Dienstag weiterhin vermisst, nachdem eine gigantische Welle aus Wasser, Eis und Steinen eine Schneise der Verwüstung gezogen hatte.
In einem Rennen gegen die Zeit graben sich auf nepalesischer Seite Rettungsteams durch den Schutt, um etwa 100 Mitarbeiter von Wasserkraftwerken zu befreien, die in verschiedenen Tunneln vermutet werden. Bislang wurden indes nur Tote geborgen.”Wir konzentrieren uns auf Such- und Rettungseinsätze in den Tunneln”, sagte Armeesprecher Raja Ram Basnet der Nachrichtenagentur AFP. Die Soldaten bargen aber auch Leichen, um die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern.
Weil die Leichenhallen überfüllt sind, haben die Behörden damit begonnen, nicht identifizierte Tote zu bestatten, nachdem ihnen DNA-Proben entnommen worden sind. Allein in einem einzigen Haus im Bezirk Nuwakot entdeckte die Polizei 24 Tote. In Nepals Hauptstadt Kathmandu haben Angehörige Fotos von Vermissten an der Mauer eines Krankenhauses aufgehängt, in der schwindenden Hoffnung, sie noch lebend wiederzufinden.
Debu Sapkota war auf der Suche nach seiner Schwiegermutter und deren Enkeltochter. Seine Schwiegermutter sei zu alt gewesen, um wegzulaufen, als ein Alarm in dem Marktort Trishuli Bazaar ertönte, berichtet er. “Ihre Enkeltochter wollte ihr helfen, aber beide wurden fortgerissen.” Er habe keine Hoffnung mehr, sie lebend zu finden. “Ich bin hier, um ihre Leichen zu finden.”Der Hilfsbedarf in Nepal ist gewaltig, ganze Dörfer wurden fortgerissen.
Die Bündnisorganisationen von Aktion Deutschland Hilft brachten nach eigenen Angaben zusätzliche Unterstützung für die Menschen in Nepal auf den Weg. Tausende Menschen, deren Häuser zerstört wurden, sind in Notunterkünften untergebracht. In einer Schule im Bezirk Nuwakot beklagen insbesondere Frauen die unzureichenden hygienischen Bedingungen. Es gebe nur drei Toiletten für mehr als 400 Menschen, sagt Anju Bhujel, die mit ihren beiden Kindern in dem Lager lebt.
Keine der Toiletten habe fließendes Wasser. Insbesondere die Menstruations-Hygiene ist ein großes Problem. “Sie haben uns Binden gegeben, aber wir haben keine Unterwäsche”, erzählte Yogita Tamang, die mit 20 Angehörigen in einem Klassenzimmer untergekommen ist. “Was soll ich dann mit den Binden?”Zu den Vermissten zählen in Nepal auch 583 Ausländer aus mehr als 30 Nationen sowie 261 Ausländer auf chinesischer Seite.
Darunter sind Touristen, die zu Trekking-Touren angereist waren, sowie Hindus, die zum heiligen Berg Kailash in Tibet pilgern wollten. In Nepal wächst der Zorn darüber, dass der ländlich geprägte Himalya-Staat nur wenig zum menschengemachten Klimawandel beigetragen hat, der nach Ansicht von Wissenschaftlern dazu führt, dass die Gletscher in dem Gebirge durch den Temperaturanstieg schneller schmelzen. “Es ist Zeit für uns, gegenüber der internationalen Gemeinschaft die Katastrophen nachdrücklich anzusprechen, die wir in Folge des Klimawandels erleben”, erklärte Nepals Regierungschef Balendra Shah am Montagabend. In Tibet wurden am Dienstag Gedenkfeiern für die Opfer abgehalten.
In dem am stärksten getroffenen Kreis Gyirong in der Grenzregion zu Nepal gab es mehrere Trauerzeremonien, darunter an den Einsatzorten der Rettungskräfte, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete. Vom Staatssender CCTV veröffentlichte Aufnahmen zeigen Soldaten, Ärzte und Rettungskräfte mit gesenkten Häuptern. Auch Bagger und ein schlammiger Fluss sind zu sehen. Einsatzkräfte arbeiteten “rund um die Uhr” daran, eine wichtige Schnellstraße wieder zu öffnen, damit Hilfsgüter und Einsatzkräfte in die Region gebracht werden können, berichtete Xinhua.
Experten warnen derweil vor starken Regenfällen in den kommenden Tagen. Tibet, eine autonome Region Chinas, ist für ausländische Journalisten weitgehend unzugänglich. Eine unabhängige Berichterstattung über das Ausmaß der Katastrophe ist somit nicht möglich. Tibet-Aktivisten bezweifeln die offiziellen Angaben zu der Katastrophe.
Tue, 01 Sep 2026 12:46:08 GMT
