Wut und Trauer nach schwerem Zugunglück in Spanien – Zahl der Todesopfer steigt weiter
Wut und Trauer nach dem schweren Zugunglück in Spanien: Einen Tag nach der Kollision zweier Hochgeschwindigkeitszüge südlich von Madrid haben Rettungskräfte und Helfer an der Unglücksstelle weiter nach möglichen weiteren Opfern gesucht. Bei einem Besuch bei verletzten Passagieren im Krankenhaus forderte König Felipe VI. am Donnerstag eine gründliche Untersuchung und Konsequenzen, um derartige Unglücke in Zukunft zu verhindern.
Die Zahl der Todesopfer stieg unterdessen auf mindestens 69.”Die Ermittlungen müssen klären, warum und wie diese Katastrophe sich ereignet hat”, sagte König Felipe nach einem Besuch im Krankenhaus in Toledo. Anschließend müssten Schritte ergriffen werden, um ähnliche Unglücke zu verhindern. Die Behörden arbeiteten “Tag und Nacht” daran, “jedes noch so kleine Detail dieser Tragödie aufzuklären”, versicherte Regierungschef Pedro Sánchez bei einem Besuch an der Unfallstelle.
Er kündigte eine Verstärkung der Sicherheitsvorkehrungen an, “um sicherzustellen, dass so etwas nie wieder geschieht”. Das Unglück ereignete sich einen Monat vor der vorgezogenen Parlamentswahl und könnte Sánchez’ Chancen auf Wiederwahl schmälern. Die Zahl der Todesopfer stieg am Donnerstag nach Angaben des Verkehrsministeriums auf mindestens 69. Viele Familien waren derweil noch immer ohne Nachricht von ihren Liebsten.
Manuel San Emeterio wartete in Toledo auf Neuigkeiten über das Schicksal seines Bruders Pepe, der mit dem Schnellzug von Madrid auf dem Weg zur Arbeit in Sevilla war, als sich das Unglück ereignete. Über eine bei der Kollision automatisch durch die Smartwatch seines Bruders abgesetzte Nachricht war San Emeterio alarmiert worden. Seither lebe er “mit der Ungewissheit – das ist das Schlimmste”, sagte er.
Bei der Polizei gab er eine DNA-Probe zur möglichen Identifizierung ab. “Man darf die Hoffnung nie aufgeben”, sagte er. An der Unfallstelle arbeiteten Helfer weiter mit schwerem Gerät, um die entgleisten Waggons der beiden Züge zu bergen und nach möglichen weiteren Opfern zu suchen. Auch Spürhunde waren im Einsatz. Zum Auftakt einer dreitägigen Staatstrauer wurden die Flaggen auf Halbmast gesetzt, landesweit hielten Menschen eine Schweigeminute ab. Der Zusammenstoß am Mittwochmorgen war bereits das zweite schwere Zugunglück in Spanien in diesem Jahr.
Bereits im Januar waren auf derselben Trasse zwischen Madrid und Sevilla 46 Menschen bei der Kollision zweier Hochgeschwindigkeitszüge ums Leben gekommen. Nach dem Unglück fordern viele Spanier Aufklärung und stellen die Sicherheit des Bahnnetzes in Frage. “Die Leute haben die Nase voll, das ist der zweite Unfall in neun Monaten!”, sagte Marcos Ibanez aus Toledo. Er fahre aus Vorsicht nicht mehr mit Hochgeschwindigkeitszügen, sagte der 28-Jährige. “Das hätte ganz einfach nicht passieren dürfen”, schimpfte der Rentner Carlos Leon Fernandes.
Verkehrsminister Óscar Puente hatte am Mittwoch menschliches Versagen als mögliche Unglücksursache genannt. Nach einem Ausfall des automatischen Zugkontrollsystems in dem Gebiet hätten zunächst alle Züge gestoppt. Aus “unerklärlichen Gründen” habe die Leitstelle jedoch entschieden, den Verkehr wieder aufzunehmen. Ein Zug des staatlichen Unternehmens Renfe sei daraufhin 25 Kilometer gefahren und dann auf einen haltenden Zug des Unternehmens Iryo aufgefahren.
Der Chef der Zugführergewerkschaft Semaf, Diego Martin, sagte die Aufmerksamkeit konzentriere sich “zu Unrecht auf die Suche nach Schuldigen”. Die Bahnmitarbeiter müssten mit “kaputten Systemen” arbeiten. Die Zugführer der Staatsbahn streikten am Donnerstag für mehr Sicherheit im Bahnverkehr, der Streik war schon vor dem Unglück vom Mittwoch angesetzt worden. Der Grünen-Bahnexperte Matthias Gastel sagte der “Rheinischen Post”, “nach aktuellem Kenntnisstand” sei ein vergleichbarer Unfall in Deutschland “mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen”.
Es müsse dennoch geprüft werden, welche Konsequenzen aus dem Unglück hierzulande womöglich zu ziehen seien. Die Polizei richtete in Madrid, Toledo, Córdoba und Sevilla vier Anlaufstellen ein, bei denen Angehörige DNA-Proben abgeben können, um bei der Identifizierung der Opfer zu helfen. Das Auswärtige Amt in Berlin erklärte zu möglichen Deutschen unter den Opfern, die Lage vor Ort sei “noch unübersichtlich”.
Die deutsche Botschaft in Madrid stehe “eng mit den örtlichen Behörden in Kontakt”.
Thu, 29 Oct 2026 18:14:19 GMT
