Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat Forderungen auch aus der eigenen Partei nach Beibehaltung der so genannten “Rente mit 63” eine Absage erteilt. Nach der Kabinettsklausur im brandenburgischen Schloss Neuhardenberg wies der Kanzler am Mittwoch darauf hin, dass sich der Koalitionsausschuss bereits auf die vollständige Umsetzung der Rentenreform geeinigt habe – und “wir werden in der Bundesregierung hier bei diesem Kurs bleiben, den wir uns gemeinsam vorgenommen haben”. Über die Forderung der ostdeutschen CDU-Ministerpräsidenten nach einer Beibehaltung sei er “etwas erstaunt gewesen, weil sie nach meiner festen Überzeugung auch nicht mit ausreichenden Sachargumenten unterlegt war”, fügte Merz hinzu. CDU, SPD und CSU seien sich im Koalitionsausschuss Anfang Juli einig gewesen, “dass wir alle Anreize zur Frühverrentung beenden müssen – und dabei muss es auch bleiben, das ist ein Kernstück der Reform”. Die Abschaffung der vorzeitigen Verrentung nach 45 Beitragsjahren – bekannt als “Rente mit 63” – ist Teil des Maßnahmenkatalogs, den eine von der Bundesregierung eingesetzte Kommission für eine grundlegende Reform des Rentensystems ausgearbeitet hat. Zwar werde es “keine Eins-zu-eins-Umsetzung geben, das hat es noch nie gegeben”, sagte Merz mit Blick auf die anstehenden Verhandlungen im Parlament. Aber die Vorschläge müssten “in ihrer Gesamtheit” in ein Gesetzgebungsverfahren gehen, sagte Merz. Der Kanzler kündigte an, dass es eine Härtefall-Regelung geben wird. “Aber der Trend zur Frühverrentung bei einer älter werdenden Gesellschaft, der muss gestoppt werden – und darüber sind wir uns in der Koalition einig.”Die drei ostdeutschen CDU-Ministerpräsidenten hatten sich gegen die Abschaffung der abschlagsfreien Frühverrentung für langjährig Versicherte ausgesprochen und dies damit begründet, dass Menschen in Ostdeutschland besonders davon betroffen seien, weil hier viele Menschen neben der gesetzlichen Rente keine andere Form der Altersvorsorge hätten.Merz sagte dazu nun: “Ich will ausdrücklich betonen, das ist kein Ost-West-Thema.” Es gebe auch im Westen “eine Zahl von Versicherten, die außer der gesetzlichen Rentenversicherung keine Altersversorgung haben – der Anteil dort ist etwas kleiner als im Osten, aber er ist auch im Westen vorhanden.”
Bas bezweifelt Sinn von Attest ab erstem Krankheitstag und stellt Bedingungen
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hat die Sinnhaftigkeit der mit der Union vereinbarten Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag angezweifelt und Bedingungen für die Umsetzung gestellt. “Wenn ich eine Pflicht einführe und anschließend 95 Ausnahmen reinschreibe, stellt sich die Frage, ob man das überhaupt noch braucht”, sagte sie den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Samstagausgaben). Sie werde die Vereinbarung nur umsetzen, wenn im Gegenzug Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) weitere Regelungen vorlege.”Es soll etwa eine Ausnahme für tarifgebundene Unternehmen geben, die andere Regelungen haben”, führte die SPD-Chefin aus. Sie forderte die Union grundsätzlich zu Gesprächen über einen Verzicht auf die umstrittene Neuregelung auf: “Ich bin koalitionstreu, aber wir sollten uns schon nochmal fragen, ob das sinnvoll ist.”Union und SPD hatten sich darauf verständigt, Arbeitnehmer zu verpflichten, ein Attest bereits ab dem ersten Fehltag vorzulegen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) verwies insbesondere auf den hohen Krankenstand. Ursprünglich hatten CDU und CSU Einschnitte bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gefordert, etwa mittels eines Karenztages, was die SPD jedoch ablehnte.Im Gegenzug habe ihre Partei “zähneknirschend der Pflicht zur Krankschreibung ab dem ersten Tag zugestimmt, obwohl wir sie inhaltlich für falsch halten”, sagte Bas dazu. “Meine Sorge ist, dass dann Menschen mit einem leichten Infekt am ersten Tag zum Arzt gehen und aus einem kurzen Ausfall am Ende eine ganze Woche Krankschreibung wird.”Als Arbeitsministerin ist Bas für die gesetzliche Umsetzung der Vereinbarung zuständig, fordert aber erst Vorschläge in anderer Sache von Gesundheitsminister Linnemann. “Die Pflicht zur Krankschreibung ab dem ersten Tag ist mit einer Termingarantie bei den Ärzten und der Schlaganfallvorsorge gekoppelt”, erläuterte sie. “Das ist der Kompromiss, der ein Gesamtpaket ist.”Zu dem Einwand, dass die Vorlage des Primärversorgungsgesetzes des Gesundheitsministers, das für die Termingarantie nötig wäre, noch Zeit in Anspruch nehme, sagte Bas: “Das liegt nicht in meiner Hand.”Der Chef des CDU-Sozialflügels, Dennis Radtke, kritisierte die SPD-Chefin. “Ich finde es fragwürdig, wenn getroffene Verabredungen nach kurzer Zeit öffentlich wieder in Frage gestellt werden”, sagte er dem “Kölner Stadt-Anzeiger”. Er sei auch nicht von allen Verabredungen der Koalition restlos begeistert, “aber was man gemeinsam entscheidet, sollte man auch gemeinsam vertreten”.Inhaltlichen Zuspruch erhielt die Arbeitsministerin vom Deutschen Gewerkschaftsbund. Sie bezweifle “zu Recht die Krankschreibung ab dem ersten Tag”, erklärte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel. “Niemand kann wollen, dass sich noch mehr Beschäftigte als jetzt schon krank zur Arbeit schleppen, um dort unkonzentriert und fehleranfällig zu arbeiten und obendrein noch das übrige Team anzustecken.”Wirtschaftsforscher erwarten derweil kaum Veränderungen durch die Attestpflicht. “Ob der Krankenstand damit sinkt, bleibt offen”, erklärte Jochen Pimpertz vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW Köln). Rechtlich ändere sich wenig, denn ein Attest ab dem ersten Tag könnten Arbeitgeber schon heute verlangen. Mit Blick auf den Verwaltungsaufwand könnten Betriebe auch künftig darauf verzichten.
