Wieder Zehntausende in Frankreich auf der Straße

In Frankreich sind am vierten Wochenende in Folge zehntausende Menschen zu Protesten auf die Straße gegangen, die Beteiligung war allerdings schwächer als bei den Demonstrationen zuvor. Während die Veranstalter am Samstagabend von landesweit 250.000 Demonstrierenden “gegen das teure Leben und für die Jugend” sprachen, meldeten die Behörden 146.000 Teilnehmende. Zumeist verliefen die Proteste friedlich.

Eine Kundgebung, zu der die sogenannte Gelbwestenbewegung in Paris aufgerufen hatte, war von den Behörden untersagt worden. Die Proteste finden in einer stark polarisierten Atmosphäre fünf Monate vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich im kommenden Frühjahr statt. Der unbeliebte Mitte-Rechts-Amtsinhaber Emmanuel Macron tritt nach zwei Amtszeiten nicht noch einmal an, in Umfragen führen zwei Vertreter entgegengesetzter extremer Lager: die Rechtspopulistin Marine Le Pen vom Rassemblement National (RN) und ihr linker Gegenspieler Jean-Luc Mélenchon von der Partei La France Insoumise (LFI, Unbeugsames Frankreich). “Alles muss sich ändern”, rief Mélenchon am Samstag etwa 20.000 Demonstrierenden bei einer Kundgebung außerhalb von Paris zu.

Die Demonstrationen verliefen insgesamt weitgehend friedlich, allerdings warfen einige Demonstranten Gegenstände auf die Einsatzkräfte, die Tränengas einsetzten. Dem Innenministerium zufolge waren 70.000 Beamte im Einsatz, es gab demnach mindestens 360 Festnahmen. Die Polizei steht wegen ihres teils harten Einschreitens bei den Demonstrationen in der Kritik. In Paris, wo laut den Veranstaltern 75.000 Menschen demonstrierten, laut den Behörden 46.000, zogen die Teilnehmenden weitgehend friedlich von der Place de la République zur Place de la Nation.

Unter ihnen waren zahlreiche Schüler und Studenten. “Ich bin hier, um die Polizeigewalt und die ausbleibenden Antworten auf unsere Forderungen anzuprangern”, sagte die 16-jährige Schülerin Emna der Nachrichtenagentur AFP. “Heute geht es darum, den Druck aufrechtzuerhalten”, erklärte die Studentenvertreterin Sabrine Kharbach. Am Donnerstag waren je nach Quelle zwischen 575.000 und 1,6 Millionen Menschen einem Aufruf der Gewerkschaften zu Protesten gefolgt.

Die Bewegung war im September zu Beginn des Schuljahres aus Schülerprotesten hervorgegangen und hatte sich anschließend auf Gewerkschaften und andere gesellschaftliche Gruppen ausgeweitet. Die Proteste richten sich gegen Missstände im Bildungswesen, zu hohe Lebenshaltungskosten und soziale Ungerechtigkeiten. Ein großes Polizeiaufgebot verhinderte in Paris eine nicht genehmigte Kundgebung der Gelbwestenbewegung nahe dem Präsidentenpalast.

Auf der Place de la Concorde nahe dem Elysée-Palast versuchten sich rund hundert Menschen dennoch zu versammeln. Die Polizei umstellte die Demonstrierenden, zwei Vertreter der Bewegung, Benjamin Ball und Azelma Sigaux, wurden festgenommen. Mehrere Dutzend Menschen mussten jeweils 135 Euro Strafe zahlen. Für Samstag hatte die Bewegung zu etwa 120 Kundgebungen landesweit aufgerufen, weit weniger als die 1700, die sie am ersten Protestwochenende am 17.

Oktober für sich beansprucht hatte. Damals war es landesweit zu schweren Ausschreitungen gekommen. Die Gelbwesten waren 2018 entstanden, als eine wütende Bürgerin in einem Facebook-Video die Franzosen aufgerufen hatte, aus Protest gegen hohe Spritpreise eine Warnweste hinter die Windschutzscheibe ihrer Fahrzeuge zu legen. Daraus entwickelte sich eine Bewegung gegen Macrons Reformpolitik, die zunächst großen Rückhalt in der Bevölkerung genoss, später aber abebbte.

Macron machte damals dennoch Zugeständnisse, welche die Regierung auf 17 Milliarden Euro bezifferte. Dazu zählten eine Senkung der Einkommensteuer und ein höherer Mindestlohn. Premierminister Sébastien Lecornu will am Montag bei einer Sozialkonferenz mit Gewerkschaften und Arbeitgebern über Löhne und Kaufkraft beraten. Anschließend sind Gespräche mit Schüler- und Studentenorganisationen geplant. “Die Tatsache, dass am Montag Verhandlungen beginnen, bedeutet nicht, dass die Mobilisierung enden muss”, sagte der CGT-Gewerkschafter Vincent Gautheron.

Die Regierung steht aber auch wegen der hohen Staatsverschuldung Frankreichs unter Druck. Gewerkschaften aus dem Bildungsbereich riefen für Dienstag zu einem weiteren Streik- und Protesttag auf. Die acht größten Gewerkschaften wollen am Montagabend über ihr weiteres Vorgehen entscheiden. Zu ihren Forderungen gehören unter anderem eine Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns um 100 Euro netto im Monat.

Sun, 08 Nov 2026 12:13:11 GMT