“Es ist Zeit für ein Ende”: Appelle an Russland bei Selenskyjs Besuch in Berlin

In die diplomatischen Bemühungen um eine Friedenslösung für die Ukraine kommt Bewegung. Vor den geplanten russisch-ukrainischen Gesprächen unter Vermittlung der USA haben Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Dienstag in Berlin das weitere Vorgehen abgestimmt. “Unsere Botschaft an Russland lautet: Es ist Zeit für ein Ende”, sagte Merz nach dem Treffen im Kanzleramt.

Der vorab nicht angekündigte Besuch Selenskyjs fand unter strikten Sicherheitsvorkehrungen statt. Der Kanzler sagte der Ukraine zusätzliche deutsche Unterstützung für den bevorstehenden Winter zu. “Wir wollen konkret noch in diesem Jahr weitere Winterhilfe und Unterstützung bei der Energieversorgung möglich machen”, sagte er. “Wir werden unsere Hilfe fortsetzen, bis dieser Krieg beendet ist.”  Die Hilfen für die Ukraine seien im deutschen und europäischen Interesse: “Der Ausgang dieses Krieges wird die europäische Sicherheit für lange Zeit prägen”, sagte Merz.

Selenskyj bedankte sich für die deutsche Unterstützung: “Es ist wichtig, dass Deutschland an unserer Seite ist in dieser Zeit.”In der kommenden Woche treffen sich Unterhändler der Ukraine, Russlands und der USA im Golf-Emirat Abu Dhabi zu den ersten Gesprächen in diesem Format seit Februar. Selenskyj äußerte in Berlin die Hoffnung, dass die zweitägigen Beratungen in Abu Dhabi den Weg zu einem Dreiergipfel ebnen könnten.

Ein solches Spitzentreffen könnte “Schlüssellösungen bereitstellen für einen lang anhaltenden, stabilen Frieden und Sicherheit”. Voraussetzung sei nun zunächst eine Feuerpause für beide Seiten, sagte der ukrainische Präsident. Auch über eine Absicherung ukrainischer Getreideexporte und über einen Gefangenenaustausch könne in Abu Dhabi gesprochen werden. In Berlin soll dann in der übernächsten Woche, am 19.

November, ein Treffen der so genannten Koalition der Willigen stattfinden – also jener Staaten, welche die Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen Russland unterstützen. Dabei soll es laut Merz auch um eine faire Lastenverteilung gehen: “Klar ist, alle Europäer tragen Verantwortung, nicht nur die Deutschen”, sagte er. “Wir haben uns in der Nato auf 70 Milliarden Euro militärische Ukraine-Unterstützung für das Jahr 2026 verständigt.

Wir müssen auch dafür sorgen, dass alle Partner dieser Verpflichtung nachkommen.”Für das Treffen der Ukraine-Unterstützer formulierte Merz drei Ziele: Es müssten die weiteren Hilfen für die Ukraine koordiniert werden – insbesondere die dringend benötigte Stärkung der Luftabwehr und die Stabilisierung der Energieversorgung im bevorstehenden Winter. Zweitens solle die Bereitschaft bekräftigt werden, nach einem Waffenstillstand Sicherheitsgarantien für die Ukraine zu leisten.

Und drittens solle es um die diplomatischen Bemühungen zur Beendigung des Konflikts gehen. Merz zeigte sich allerdings skeptisch, was die Verhandlungsbereitschaft Russlands angeht. Nötig sei nun, “dass Russland wirklich ernsthaft Verhandlungen über einen Waffenstillstand, über ein nachfolgendes Friedensabkommen” führe. “Ich sehe das bisher nicht”, fügte er hinzu. Selenskyj bekräftigte bei der Pressekonferenz auf Nachfrage, dass er derzeit wenig Sinn in einem bilateralen Treffen mit Russlands Präsident Wladimir Putin sähe.

Er halte wenig von einem Telefonat, “bei dem ich noch einmal eine historische Vorlesung vom Staatschef der Russischen Föderation mir anhören muss”, sagte er. Auf die Frage, ob er zu einer Einladung an Putin nach Kiew bereit sei, entgegnete Selenskyj mit Blick auf die russische Invasion: “Wir laden Putin nicht nach Kiew ein, 2022 sind die Russen ohne Einladung zu uns gekommen.” Genauso wenig wolle er selbst nach Moskau reisen.

Selenskyj sagte, sein Land habe Russland eine Feuerpause vorgeschlagen. Russland antworte darauf nur mit “neuen Angriffen, neuen Schlägen, neuen Morden an unseren Menschen”. Er verwies auf russische Bombenangriffe vom Montag, nach denen noch immer 50 Menschen vermisst würden. “Es sind schreckliche Angriffe in diesem Krieg”, sagte er. Merz und Selenskyj zeigten sich einig, dass Europa in jegliche Friedensregelung für die Ukraine einbezogen werden müsse. “Zentrale Elemente einer Friedenslösung – sei es zu Sanktionen oder zur Sicherheitsarchitektur – können nur mit uns Europäern gelöst werden”, sagte Merz.

Selenskyj sagte: “Es kann nicht zu einem stabilen Frieden kommen, wenn Europa nicht am Verhandlungstisch sitzt.”Merz forderte auch eine Einbeziehung des ukrainischen Präsidenten beim Gipfel der G20-Staaten im kommenden Monat in den USA. Wenn Russlands Präsident der Einladung durch den Gipfelgastgeber, US-Präsident Donald Trump, folge und an dem Treffen teilnehme, “dann muss zuallererst über die Ukraine gesprochen werden”, sagte Merz. “Und wenn über die Ukraine gesprochen wird, dann muss der Präsident der Ukraine mit am Tisch sitzen”, fügte der Bundeskanzler hinzu.

Aus seiner Sicht wäre es “völlig inakzeptabel, dass Drittstaaten über das Schicksal der Ukraine sprechen, ohne die Ukraine daran zu beteiligen”. Die USA haben in diesem Jahr den Vorsitz der G20-Gruppe der führenden Industrie- und Schwellenländer. Trump hat Putin zum G20-Gipfel in Miami im Dezember eingeladen. Der Gipfel soll in einem Golfclub des US-Präsidenten im Bundesstaat Florida stattfinden.

Eine Zusage aus Moskau gibt es bisher nicht. 

Tue, 03 Nov 2026 15:52:22 GMT