Triumph für die Demokraten – Schmach für den US-Präsidenten: Nach den Kongresswahlen in den Vereinigten Staaten sieht sich Donald Trump mit einer völlig veränderten politischen Landschaft konfrontiert. Die oppositionellen Demokraten konnten Trumps Republikanern bei den sogenannten Midterms die Mehrheit in Senat und Repräsentantenhaus entreißen. Nachdem er vor der Wahl immer wieder Betrugsvorwürfe erhoben hatte, erklärte Trump überraschend, er erkenne das Wahlergebnis an.
Befeuert von der Wut über die hohen Energiepreise und den Krieg gegen den Iran bescherten die Wählerinnen und Wähler dem 80-jährigen US-Präsidenten eine krachende Niederlage. Wenn der neu gewählte Kongress am 3. Januar zusammentritt, können die Demokraten Trump in seinen verbleibenden zwei Amtsjahren das Regieren erheblich erschweren. Mindestens sieben Sitze konnten die Demokraten den Republikanern im Senat abnehmen.
Sie stellen im Oberhaus damit künftig mindestens 54 der 100 Senatoren. Unklar war nur noch der Ausgang der Senatswahlen in Mississippi und Alaska. Im 435 Sitze zählenden Repräsentantenhaus haben die Demokraten den Prognosen zufolge künftig eine komfortable Mehrheit von mindestens zehn Sitzen. Der US-Demokrat und voraussichtliche neue Vorsitzende des Repräsentantenhauses, Hakeem Jeffries, bezeichnete den Wahlsieg seiner Partei als “überwältigend”.
Die Demokraten gewannen am Dienstag auch Mandate in zahlreichen bisherigen Republikaner-Hochburgen, darunter in den konservativen Bundesstaaten Texas und Kansas. Zu den größten Sensationen gehörte der Sieg des 37-jährigen Demokraten James Talarico in Texas gegen den Trump-Verbündeten Ken Paxton im Rennen um einen Senatssitz. Auch das Gouverneursrennen in dem südlichen Bundesstaat gewannen die Demokraten.
Kaum weniger spektakulär war der Sieg des protestantischen Predigers Adam Hamilton von den Demokraten bei der Wahl zum US-Senat in Kansas, wo die Partei seit 1932 keinen Senator mehr stellte. Die Eroberung von bisher republikanischen Senatorenposten gelang den Demokraten auch in Iowa, North Carolina, South Carolina, Ohio sowie in Maine. In Michigan, das schon zuvor einen Demokraten als Senator hatte, gelang Abdul El-Sayed vom linken Demokratenflügel ein vielbeachteter Sieg.
Er wird als erster Muslim der Geschichte in den US-Senat einziehen.”Amerika ist zurück”, jubelte der Fraktionschef der Demokraten im Repräsentantenhaus, Jeffries. Talarico sprach von einem Sieg gegen “Goliath”. Für Trump bedeutet der Triumph der Demokraten auch eine schwere persönliche Niederlage: Bis zuletzt hatte er die Kongresswahlen zu einer Abstimmung über sich selbst und seine Politik erklärt.
Auf die Niederlage seiner Republikaner reagierte er trotzig: Hätte er selbst auf den Stimmzetteln gestanden, hätten seine Republikaner “erdrutschartig gewonnen”, schrieb er in seinem Onlinedienst Truth Social. Zugleich schlug Trump ungewöhnlich versöhnliche Töne an: “Ich bin absolut bereit, diese Ergebnisse zu akzeptieren”, sagte er der “New York Times”, nachdem er im Vorfeld über Wochen versucht hatte, Zweifel an den Wahlen zu schüren.
Allerdings machte Trump deutlich, dass er bei Gesetzesvorhaben der Demokraten sein Veto-Recht nutzen werde. In den dramatischen Stimmenverlusten der Republikaner spiegelt sich die weitverbreitete Frustration in der US-Bevölkerung über Trumps Kurs wider. Nicht zuletzt die infolge des Iran-Kriegs und seiner aggressiven Zollpolitik stark gestiegenen Spritpreise und sonstigen Lebenshaltungskosten sorgen für großen Unmut. Im Nachrichtensender Fox News räumte Trump ein, dass der von ihm Ende Februar begonnene Krieg gegen den Iran eine Rolle bei der Wahlpleite gespielt habe: “Ich denke, ein Teil davon war Iran.” Vizepräsident JD Vance stimmte Trump zu: “Der Grund, warum wir verloren haben, ist der Krieg”, erklärte er am Mittwoch.
Auch das brutale Vorgehen der Einwanderungsbehörden gegen Migranten sowie Korruptionsvorwürfe gegen Trump und sein Umfeld waren wichtige Themen im Wahlkampf – und die Nähe des Präsidenten zu Superreichen wie Multimilliardär Elon Musk, der den Wahlkampf der Republikaner mit fast einer halben Milliarde Dollar unterstützt hatte. Die Aktienkurse von Musks Unternehmen Tesla und SpaceX sackten am Mittwoch vorübergehend ab.
Die Kontrolle der Demokraten über den Kongress engt Trumps Handlungsspielraum in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit stark ein. Die Demokraten können unter anderem Gesetzesprojekte der Regierung sowie die Ernennung von Bundesrichtern blockieren. Sie wollen außerdem eine Reihe von Untersuchungen zu Trump und seiner Regierung einleiten. International stieß der Wahlausgang auf gemischte Reaktionen.
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas erhofft sich vom neuen Kongress “mehr Druck auf Russland”. Moskau wiederum setzt nach Angaben des Kreml auf eine weitere Vermittlung Trumps im Ukraine-Konflikt. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gratulierte den US-Demokraten zu einem “historischen Sieg”, Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) äußerte die Erwartung, dass sich die neuen Mehrheitsverhältnisse im Kongress auch auf die Außenpolitik auswirken dürften. Irans Parlamentspräsident und Chefunterhändler Mohammed Bagher Ghalibaf erklärte im Onlinedienst X, die US-Bürger hätten “Nein zum Krieg” gesagt. China bekräftigte seine Bereitschaft zur weiteren Zusammenarbeit mit den USA.
Bei den Midterms wurden am Dienstag das gesamte Repräsentantenhaus und etwa ein Drittel des Senats neu gewählt. Außerdem fanden zahlreiche Gouverneurswahlen statt. Auch dort fuhren die Demokraten spektakuläre Siege ein. In Georgia eroberte die Demokratin Keisha Lance Bottoms den Gouverneursposten nach fast einem Vierteljahrhundert von den Republikanern zurück. In Texas schaffte es die Demokratin Gina Hinojosa, den republikanischen Gouverneur Greg Abbott aus dem Amt zu drängen.
Erstmals seit 16 Jahren werden die Demokraten damit wieder die Mehrheit der US-Gouverneure stellen.
Wed, 04 Nov 2026 17:03:00 GMT
